Photocredit © Dmytro Tyshchenko
Am Donnerstag, den 15. Juni 2017 (das war gerade Fronleichnam), habe ich den
Auftritt der Volksmusikgruppe "Buslinie 102" in der Landjugend-Grillerei
in Steinbach am Ziehberg (Oberösterreich) genossen, viele Fotos und ein
kleines Video gemacht und die Mädchen für das Portal "Barfuß in
Russland" meines Freundes,
des Schriftstellers und Journalisten Igor Resun interviewt.
Diese in die Volksmusik verliebten jungen Mädchen
haben sich im Frühjahr 2013 in eine Gruppe mit einem ungewöhnlichen
Namen «Buslinie 102" zusammengeschlossen: Schwestern Hageneder, Lisa
(Harfe) und Maria (Querflöte), Bernadett Neuhauser (Violine) Klara
Littringer (Bass), Bettina Huemer und Jessica Feldmann (beide -
Harmonika) – sind für die Beschreibung ihrer Gruppe auf Facebook mit
drei Wörtern ausgekommen: «jung, frech und barfuß». Umsonst werden Sie
auf dieser Seite die Stadt suchen, wo sie wohnen, es gibt auch keine
Adresse, außer der elektronischen. Sie sind nicht auf YouTube vertreten,
haben so gut wie kein vollständiges Video in FB. Unter einem der Fotos
wenden sie sich an gelegentliche Zuschauer mit der Bitte, die Fotos und
Videos, die während der Vorstellungen aufgenommen wurden, ihnen zu
senden. Diese echten „Wandermusiker“, wie ich sie nennen würde, treten
gelegentlich in kleinen Clubs, auf Dorffesten und einfach in Restaurants
und Bars von Oberösterreich auf, wo alle sechs leben und sich ab und zu
für Proben und Aufführungen treffen. Auf ihrer Seite auf Facebook
steht Folgendes:
„Gleich bei einem unserer ersten Auftritte (im Sommer 2013)
erkannten wir, dass es sich barfuß einfach besser spielt. Von dort an
bestritten wir alle unsere Auftritte (unabhängig vom Wetter) ohne
Schuhe. Somit besitzen wir, die BUSLINIE 102, unser eigenes
Markenzeichen, welches uns von anderen Musikgruppen eindeutig
unterscheidet.“
Und nun, zum ersten Mal in allen diesen Jahren,
seit ich diese Gruppe beobachte, lese ich eine Mitteilung, in der der
genaue Zeitpunkt und der Ort ihres nächsten Auftritts angegeben ist.
„Nicht mehr lange, dann sind wir wieder komplett!
Aber bis dahin haben wir noch einiges vor. Wer Lust hat, kann am
Donnerstag, 15. Juni (Fronleichnam) ab 11.30 Uhr zur
Landjugend-Grillerei nach Steinbach/Ziehberg vorbeischauen, die wir
musikalisch umrahmen dürfen. Wir freuen uns schon!
Eure Buslinie 102“
Ich konnte die Versuchung nicht widerstehen und
bin nach Österreich aufgebrochen, obwohl der Chefredakteur mich zunächst
zu einem anderen Ort geschickt hat. „Sehr witzig“ - das war die erste
Reaktion der Mädchen, als ich ihnen das Ziel meines Besuchs erklärte.
Und das gleiche fröhliche Lächeln blühte auf ihren schönen Gesichtern,
als wir uns verabschiedeten... Und hier ist, worüber wir während einer
der kurzen Pausen, die sich die Mädchen leisten konnten, gesprochen
haben.
Buslinie 102: In welchem Sinne?
Buslinie 102: Ja, sie setzt ein. Aber manchmal setzt der Bass ein,
den Klara spielt, sie steht immer auf der linken Seite.
Buslinie 102: Nein, wir haben keine Leiterin. Bettina und Jessica
beantworten nur die Telefonanrufe. Und auf der FB-Seite schreiben alle,
die zu diesem Zeitpunkt nicht viel zu tun haben.
Buslinie 102: Ja, heute sind wir nicht komplett. Es fehlen die
Harfenistin Lisa und die Geigerin Bernadette. Jedes der Instrumente, die
wir spielen, wird verwendet in der Volksmusik.
Buslinie 102: Ja, auch die Harfe. Aber genau in dieser Besetzung tritt
sonst keine Volksgruppe auf.
Über den Kontrabass fragte ich nicht, weil ich
auch so wusste: das riesige Instrument, das die zarte Klara mit sich
überall schleppt, geht ein in das klassische Trio der osteuropäischen
jüdischen Volksmusik, die ihre Wurzeln in der deutschen hat: die Geige,
der Kontrabass und ein Blasinstrument, nur bei den jüdischen Klesmern
(Wandermusikern) ist das normalerweise die Klarinette und nicht die
Flöte. Die lachende Klarinette und die weinende Geige, genauso wie im
Leben, wo es das Lachen und die Tränen zum gleichen Teil gibt. Und der
Kontrabass bestätigt alles mit seiner Autorität des größten Instruments:
„Ja, ja, ja, ja…“ Die Kapellen der Klesmer waren an jüdischen Orten
unterwegs und spielten auf Hochzeiten und anderen familiären Festen. Und
die Harmonika hat zu tun mit der anderen Hälfte meiner Seele – mit der
slawischen. Dieses Instrument führt mit dem Zuhörer ein langes
vertrauliches, herzliches und gemütliches Gespräch. Harmonika hat mein
vor Kurzem verstorbener Vater gespielt – meistens „Oginskis Polonaise“
und „Die Wellen von Amur“. Und mein Großvater mütterlicherseits, der
keine Noten kannte, hat nach dem Gehör die russische „Korobejniki“
(„Wanderhändler“) und die jüdische „Ojfn Pripetschek“ („Auf dem
Ofenbrett“) auf einer Mandoline zu spielen versucht. Meine 2007
verschiedene Mutter hatte im Studentenchor ukrainische Volkslieder
gesungen. Und ich blieb nur ein Zuhörer, aber glauben Sie mir, ich bin
ein motivierter und dankbarer Zuhörer. Und ich kann die Qualität des
Spiels der barfüßigen Mädchen aus der österreichischen Provinz gut
schätzen, die ich gerne von morgens bis abends, ohne müde zu werden
hören und immer wieder bewundern würde.
Buslinie 102: Wir verwenden fertige Musikstücke.
Buslinie 102: Nein, wir sind alle Amateurinnen, nur mit einem
üblichen Musikschulabschluss. Für keine von uns ist Musik der
Hauptberuf. Wir proben und treten auf in unserer Freizeit.
Buslinie 102: Wir hatten eine gemeinsame Musiklehrerin. Es ist eine
Bekannte der Mutter von Marie und Lisa Hageneder, die selbst
Musiklehrerin ist. Einige von uns haben an der Musikschule in Pettenbach
gelernt, wo wir herkommen, einige in Wels – das sind vierzig Minuten mit
dem Auto von Pettenbach.
Maria: Ich bin die große Schwester. Musik ist eines der Studienfächer,
die ich an der Universität Salzburg studiere - neben Mathematik und
Sport. Und Lisa hat noch nicht entschieden.
Buslinie 102: Ja, viele von uns sind Studentinnen oder wollen solche
werden. Bettina studiert zum Beispiel Pharmazie in Graz.
Bettina: Es gibt keine Universität in Linz. Und Graz gefällt mir
einfach mehr.
Österreich ist von seiner Flächengröße und der
Bevölkerungszahl her mit einem durchschnittlichen deutschen Bundesland
vergleichbar und ist selbst in kleinere Bundesländer eingegliedert.
Nicht jedes davon hat eine Universität. Neben der weltbekannten
Universität in Wien gibt es eine Universität in der Hauptstadt der
Steiermark, Graz, und in Innsbruck, der Hauptstadt von Tirol. Und
Pettenbach liegt in Oberösterreich, dessen Hauptstadt Linz ist. Jenseits
dieser Provinz sind die Mädchen noch nie aufgetreten.
Klara: Denken Sie? Ja, ich wünsche mir, Lehrerin zu sein, ich
studiere dafür, auch in Graz, Mathematik und Geschichte.
In Österreich genauso wie in Deutschland darf ein
angehender Lehrer sich nicht auf ein Schulfach beschränken, er muss ein
Diplom mindestens in zwei unterschiedlichen Studienfächern erwerben,
wobei sie miteinander nicht verwandt sein sollen wie etwa Mathe und
Physik, sondern zu unterschiedlichen Bereichen gehören.
Buslinie 102: Sie haben erst im vorigen Jahr das Abitur gemacht. Und
jetzt reisen sie. Lisa befindet sich schon seit einem Jahr in Afrika, im
August kehrt sie zurück.
Buslinie 102: Nein, mit einer Freundin. Sie verweilt sich dort nicht,
sondern macht ein Volontariat, unterrichtet freiwillig Englisch in
Kamerun.
„Volontariat“, "freiwillige Arbeit" bedeutet
nicht ganz umsonst. Wahrscheinlich ist in Kamerun eine Wohnung oder ein
Zimmer für Lisa bereitgestellt worden, wahrscheinlich gibt es dort für
sie kostenlose Verpflegung oder Taschengeld. Die Arbeit gilt als
freiwillig, wenn man kein Gehalt nach dem Tarif kriegt. Während die
jungen Damen gespielt haben, bin ich zu Johanna Gegenleitner gegangen,
die verantwortlich für die heutige Veranstaltung war und die
Landjugend-Grillerei mitleitet, die schon zum zweiten Mal die „Buslinie
102“ für die musikalische Begleitung ihrer Feste einlädt. Unter anderem
habe ich sie vorsichtig gefragt, ob die Mädchen etwas von ihrer Arbeit
haben. Johanna hat das bestätigt, aber gleichzeitig hat sie zu verstehen
gegeben, dass es um eine kleine Vergütung geht, die in keiner Relation
zu den Anstrengungen und Leistungen der Musikerinnen steht. Im
offiziellen Sinne kann diese Arbeit also auch als ehrenamtlich
verstanden werden. Ich habe auch so ein ganzes Jahr gearbeitet, einen
älteren Kollegen vertreten, bis er in Rente ging und mit mir ein echter
Arbeitsvertrag als Lehrer der deutschen Sprache für Ausländer
abgeschlossen wurde. Aber wir müssen zurück zu unseren Mädchen.
Buslinie 102: Nein, auch sie reist mit keinem Freund, sondern mit
Freundinnen. Sie ist noch weiter - in Südostasien.
Ich habe nicht genau nachgefragt, aber mir wurde
schon klar, dass ich diesen sechs bescheidenen Mädchen, die keine
schlechten Gewohnheiten haben (keine von ihnen raucht!), die
offensichtlich geringe Bedürfnisse haben was Kleidung und natürlich
Schuhe angeht, die nur das Lernen und die Musik kennen, die bereit sind,
sich kopfüber in eine gemeinnützige Arbeit zu stürzen, vielleicht keine
Fragen zu ihrem privaten Leben stellen sollte. Die Tatsache, dass es auf
ihren Facebook-Seiten so gut wie kein Foto gibt, wo sie mit einem
Freund, überhaupt mit einer männlichen Person, abgebildet werden, sagt
schon viel. Und diese „Wanderjahre“, die einige von ihnen durchmachen,
sind für junge Leute aus Europa, die sich noch suchen und finden wollen,
eine normale Erscheinung. Sie schauen sich die Welt an und kommen
zurück, dann gibt es was zu erinnern, wenn das Leben in seine geregelte
Laufbahn zurückkehrt. Nichts Schlimmes wird ihnen passieren. Maria hat
schon einmal ihre Schwester in Kamerun besucht und ist sich sicher, dass
man sich weder um sie noch um Bernadett Sorgen machen sollte.
Die blonde Jessica sticht auf jedem Foto hervor.
Alle sechs Mädchen lächeln viel, aber wenn Jessica lächelt, erinnert das
gleich an die Heldinnen der sowjetischen Filme der 30-50-er Jahren, an
alle diese Traktorfahrerinnen, Bestmelkerinnen und
Bestschweinezüchterinnen usw. dieser Art mit ihrem
blendenden weißzähnigen Lächeln. Trotzdem konnte ich den Beruf von
Jessica - Elektrotechnikerin - nicht erraten. Dieser Beruf hat zwar
nicht direkt zu tun mit der Landwirtschaft, mindestens mit der
klassischen Landwirtschaft, aber er ist genauso exotisch für Frauen wie
z. B. Traktorfahrerin, die mir als Erstes einfiel, überhaupt nicht
zufällig.
Also haben alle sechs etwas zu tun, haben eine
ernsthafte Beschäftigung, die ihnen gute Einkünfte verspricht, oder
bereiten sich auf solche vor, keine von ihnen ist von den Eltern oder
von irgendeinem Mann abhängig. Jede hat ihren Freundeskreis, sie treffen
sich nur für die Musik zusammen, die einen bedeutenden Teil ihres Lebens
ausmacht. Jeden Monat, manchmal auch einmal in mehreren Monaten, haben
sie Auftritte, meistens zu warmen Jahreszeiten an frischer Luft. Den
ganzen Tag zu spielen stellt sich als schwierig dar. Und dazu die
freiwillig auf sich genommene Verpflichtung barfuss aufzutreten. Anfangs
habe ich gedacht, dass sie irgendwo in Gras auftreten, irgendwo auf
einer Wiese, oder vielleicht einen Teppich unterlegen. Von wegen! Die
jungen Damen haben ihre Instrumente so hingestellt, dass die Zuschauer,
die an den Tischen ihr Essen und Trinken genießen, sie so gut wie
möglich sehen und hören. Diese Tische waren ziemlich weit von der Wiese
entfernt. Dort, auf dem Gras unter dem Zaun, haben die Mädchen ihre
Schuhe gelassen, und was war den ganzen Tag unter ihren nackten Füßen?
Maria ist ein alter rauer zerbrochener Asphalt zugefallen und sie hat
heldenhaft den ganzen Tag darauf gestanden, fast gänzlich ohne ihre Füße
zu bewegen. Später habe ich es selbst überprüft: es hat sich angefühlt
wie eine Reibe. Die Harmonikaspielerinnen Jessica und Bettina haben auf
genauso hartem und beißendem Asphalt gesessen. Aber ein sitzender Mensch
hat es leichter, denn auf seinen Füßen lastet dann nicht das ganze
Gewicht und man kann einen Fuß auf den anderen legen, wie Jessica oft
getan hat, oder so anheben, dass man nur mit einer Fußsohle die
unbequeme Oberfläche berührt, wie es Bettina machte. Vielleicht hat
Klara, die auf der anderen Seite stand, wo der Asphalt schon glatt und
eben war, sich angenehmer gefühlt? So war es nicht. Der Asphalt selbst
war zwar ganz in Ordnung, aber auf ihm waren kleine spitzige
Schottersteine verstreut und solche Steine fühlen sich noch schlimmer
an, als massiver Kies. Als ich selbst diese Stelle geprüft habe, habe
ich verstanden, warum Klara immer wieder den einen und dann den anderen
Fuß angehoben und etwas von den Fußsohlen abgeschüttelt hat.
Buslinie 102: Nein, überhaupt nicht schwierig. Wir sind daran
gewöhnt. Wir treten so seit vier Jahren auf.
Bettina (ich habe selten gemerkt, wer genau von den Mädchen mir
antwortete, aber diese Aussage kann ich mit Sicherheit nur der kecken
gescheiten Braunhaarigen beimessen, die mir auch sonst häufiger als die
anderen erwiderte): Das war aus pragmatischer Sicht besser.
Da wurde ich überrascht. Was hat das Barfußlaufen
mit Pragmatismus zu tun? Und welche Vorteile kann man daraus ziehen?
Etwa den Takt mit den nackten Füßen nachzuschlagen? Nicht schlechter
könnte man das ja mit den Schuhen tun.
Bettina: Unser erster Auftritt war im Jahr 2013, auf einer Party wie
diese, in Vorchdorf. Natürlich haben wir alle für unseren ersten
Auftritt uns die schönsten, die besten Schuhe angezogen. Bei einigen
waren sie ganz neu, noch nicht abgetragen. Es war ein heißer Sommer,
sehr schnell sind rote Flecken entstanden, dann Blasen. Ein paar Mädchen
mussten ihre Schuhe abwerfen. Und diejenigen, deren Füße heil waren,
zogen auch ihre Schuhe aus, um die Harmonie nicht zu stören. Es stellte
sich heraus – das ist großartig, es gibt viele angenehme Empfindungen,
die das Vergnügen verstärken, ein Musikinstrument zu spielen. Wir waren
so begeistert, dass wir sofort entschieden haben: wir werden immer ohne
Schuhe auftreten und es für unser Merkmal machen, um uns von anderen
Gruppen abzuheben.
Mein Blick ist auf die Schuhe gefallen, die,
achtlos von den Füßen der Mädchen abgestreift, auf der Wiese rumlagen.
Keine Pumps. Dezente Ballerinas, mäßig abgetragen. Unabhängig davon, wie
oft und wie viel die Mädchen außer den Auftritten barfuß laufen, werden
ihre Füße auf jeden Fall lange gesund bleiben.
Buslinie 102: Echt? Wir haben das wirklich vergessen. Nun, was
wollten Sie wissen?
Buslinie 102: Nein, es war nicht verboten.
Buslinie 102: Nein, das ist uns nicht eingefallen, um eine Erlaubnis
zu bitten. Man hat uns eingeladen, obwohl man wusste, dass wir immer und
überall barfuß spielen, wozu dann das Nachfragen?
Buslinie 102: Na ja, es lag nur am zu kalten Boden in der Kirche. Wir
haben zuerst versucht die Schuhe auszuziehen – aber nein, es geht nicht,
es fühlt sich sehr unangenehm. Übrigens, was die klassische Musik
betrifft, irren Sie sich. Auch in der Kirche haben wir Volksmusik
gespielt. Vielleicht ein wenig modernisiert, aber es ist immer noch
Volksmusik.
Buslinie 102: Zu Hause sind wir zu hundert Prozent barfuß!
Buslinie 102: Ja, auch bei allen Proben.
Die schüchterne und nicht sehr gesprächige Maria
senkte leicht die Augen, wurde ein wenig rot und nannte leise den Namen
der Sportart. Nein, nicht die Gymnastik. Die Gymnastik gehört zu ihrer
Vergangenheit, das hat sie als Kind gemacht. Natürlich kann sie auch
jetzt einiges und ist stolz darauf. Aber das ist nicht das Wichtigste.
Das Wichtigste ist ihre Leidenschaft für den Fußball. Übrigens ist der
Frauenfußball in Deutschland und Österreich einer der besten in der
Welt.
Maria: Einfach Pettenbach.
Bettina: Stimmt.
Buslinie 102: Jessica. Aber so musste es nicht sein, jede von uns
konnte am Steuer sitzen. Wir alle können Auto fahren, wir haben eine
Fahrschule abgeschlossen, die Prüfung bestanden und den Führerschein
bekommen.
Ich habe es dann genau auf meinen Fotos
nachgeschaut: als Erste nach der tapferen und etwas dunkelhäutigeren als
die anderen Mädchen Bettina, die ich an diesem Tag nie beschuht gesehen
habe, zog ihre Schuhe Klara aus, dann Jessica und zum Allerletzten,
direkt vor der Auftritt, Maria.
Bettina: Im Auto. Ich zog meine Schuhe sofort aus, bevor ich aus dem
Auto kam.
Buslinie 102: Unser Lehrer in der Fahrschule sagte, dass man barfuß
nicht fahren darf.
Ich hätte ja vielleicht den jungen Damen geglaubt
und nicht im Internet recherchiert, ob es in Österreich anders geregelt
ist als in Deutschland, wenn nicht eine Begegnung auf dem Rückweg
gewesen wäre. Während ich an einer Tankstelle vorbeilief, erblickte ich
eine junge Dame, die barfuß aus ihrem Auto kam, um das Auto zu tanken.
Das Mädchen, das sich als Kristina vorstellte, erlaubte mir, sie zu
fotografieren, und fühlte sich sehr geschmeichelt durch die
Aufmerksamkeit, die ich ihr schenkte, aber sie wollte ihr Verhalten
keinesfalls als ungewöhnlich oder gar heldenhaft bezeichnen. Sie hat
einfach nie von einem Verbot gehört, barfuß Auto zu fahren, und ich habe
später auch keins im Internet gefunden. Ich habe das den Mädchen aus
„Buslinie 102“in unserem späteren Briefwechsel mitgeteilt, sie haben das
zur Kenntnis genommen und sich bei mir herzlich bedankt haben.
Die Mädchen haben meine Fragen sehr bereitwillig
beantwortet, an dem Tisch sitzend, der für ihre Pausen extra aufgestellt
wurde, aber nach zwanzig Minuten – eine längere Pause konnten sie sich
nicht leisten – haben sie mir zu verstehen gegeben, dass es soweit ist
und sie weiter spielen müssen. Es hat so geklungen, dass ich gespürt
habe: es geht nicht um das Geld, die die Landjugend-Grillerei ihnen für
den heutigen Auftritt versprach. In ihren Augen habe ich eine Art
kindische Ungeduld gelesen, als würden sie sagen: „Wir möchten schon
weiter spielen, lassen Sie uns los“. Meine letzten drei Fragen konnte
ich trotzdem später, in der Mittagspause, stellen, während die
Musikerinnen auf das bestellte Essen warteten, in der Anwesenheit von
kauenden und trinkenden Gästen, die freundlich unserem Gespräch
zuhörten. Ich kann auch etwas Lustiges über die Reaktion der Leute auf
meine Aktivität berichten. Nicht genug, dass ich für die Bewohner von
Steinbach-am-Ziehberg (ein Dorf mit 819 Bewohnern, nur aus einer Straße
bestehend) als Korrespondent eines deutschen Mediums galt (für einen
Österreicher ist Deutschland außerhalb von Bayern, wo man denselben
Dialekt spricht, fast so exotisch wie Russland), einige von ihnen
meinten sogar ernsthaft, dass ich der Manager der Gruppe sei, weil ich
ja die ganze Zeit um die Mädchen kreiste und Fotos machte. Darauf habe
ich geantwortet, dass die jungen Damen keinen Manager haben und auch
keinen brauchen, weil sie ehrenamtlich spielen, selbst für sich Werbung
machen, selbst ihre Auftritte organisieren und ganz gut alleine
zurechtkommen. Und im Stillen habe ich mir gedacht: „Ach, wie schön wäre
es, ihr Manager zu sein, überall sie zu begleiten, für sie zu sorgen…
Ein Traumjob, wirklich!“
Buslinie 102: Ganz am Anfang, als wir einen originellen Namen für die
Gruppe suchten, haben wir die Anzahl der Saiten bei allen unseren
Instrumenten zusammengezählt. Das hat 102 ergeben. Aber wie kann man
daraus einen schönen Namen machen? Der Name „102 Saiten“ schien uns zu
arrogant zu sein. Und da fiel jemandem von uns ein - es ist jetzt
schwierig zu sagen, wem genau – dass diese Zahl wie die Nummer einer
Buslinie aussieht. So ist es geblieben: „Buslinie 102“.
Buslinie 102: Wir brauchen keinen Bus, um zusammenzukommen. Wir leben
doch in derselben Stadt.
Buslinie 102 (lachend) Ja, es gibt keine.
Buslinie 102: Dieser Bus ist echt. Aber wir sind damit nirgendwo
gefahren. Wir haben ihn gemietet, um interessante Fotos zu machen.
Buslinie 102: Klar, nicht. Das alles wurde an demselben Zeitpunkt
aufgenommen, im vorigen Sommer, aber einige Fotos sind erst später
veröffentlicht worden. Sie sehen doch, Lisa und Bernadett sind dort mit
uns, die beiden haben damals noch die Schule nicht abgeschlossen.
Buslinie 102: Nein, so was kann man nicht behaupten. Es ist einfach
angenehm, sonst gibt es keine Vorteile.
Buslinie 102: Nein, leider nicht. Wir bleiben hier, bis die letzten
Gäste weggehen. Normalerweise geschieht das sehr spät.
Buslinie 102 (alle zusammen, keck) Ja-a-a!
Buslinie 102 (in demselben Ton): Ne-e-e-in!
Das war's auch schon, abgesehen davon, dass ich,
bevor ich mich auf den Weg zum 10 km entfernten Bahnhof gemacht habe,
selbst die Schuhe ausgezogen habe und in so einem Aufzug gegangen bin,
in dem ich mir nicht getraut hatte zu kommen, aus Befürchtung, dass die
Bewohner des Dorfes mich missverstehen. Die Mädchen aus der „Buslinie
102“, die zu dieser Zeit in der Kantine waren, haben mir herzlich einen
guten Heimweg gewünscht. Ob mein Beispiel auf sie gewirkt hat, ob sie in
Zukunft auch im Alltag häufiger barfuß laufen und ob sie die restlichen
Vorurteile abwerfen, die ihnen von den Erwachsenen eingeredet wurden?
Hoffen wir, dass ja!
Aber das ist noch nicht alles. Ich erinnere mich
an noch eine Frage, die ich den Mädchen von der „Buslinie 102“ etwas
früher gestellt habe - die einzige, die sie nicht beantworten konnten:
„Was sind die Perspektiven eurer Gruppe?“ Erst später habe ich
verstanden warum. Die jungen Damen sind sehr zufrieden mit ihrem kleinen
Erfolg, mit der Aufmerksamkeit der Landsleute und der positiven Reaktion
dieses im Großen nicht sehr gewählten Publikums. Was sie jetzt machen,
ist nicht ihre Lebensaufgabe. Das ist eine Leidenschaft ihrer Jugend,
eine Beschäftigung, für die sie sich begeistern, solange sie ihnen
Freude bereitet. Wahrscheinlich wird auch ihre Barfüßigkeit dauern, nur
solange sie jung sind und solange es dieses Übermaß an Kräften gibt,
solange die Wangen ohne Schminke rot sind und solange die vernünftige
Gewagtheit in ihren Herzen wohnt. Die jungen Frauen aus der „Buslinie
102“ wollen einfach nicht an die Zukunft denken. Sie leben jetzt, am
heutigen Tag, und dieser fröhliche Tag ist bestimmt noch lange nicht zu
Ende.