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Interview mit der österreichischen Volksmusikgruppe
"Buslinie 102"

Das Gespräch führte Dmytro Tyshchenko

Photocredit © Dmytro Tyshchenko

 

Am Donnerstag, den 15. Juni 2017 (das war gerade Fronleichnam), habe ich den Auftritt der Volksmusikgruppe "Buslinie 102" in der Landjugend-Grillerei in Steinbach am Ziehberg (Oberösterreich) genossen, viele Fotos und ein kleines Video gemacht und die Mädchen für das Portal "Barfuß in Russland" meines Freundes, des Schriftstellers und Journalisten Igor Resun interviewt.

Diese in die Volksmusik verliebten jungen Mädchen haben sich im Frühjahr 2013 in eine Gruppe mit einem ungewöhnlichen Namen «Buslinie 102" zusammengeschlossen: Schwestern Hageneder, Lisa (Harfe) und Maria (Querflöte), Bernadett Neuhauser (Violine) Klara Littringer (Bass), Bettina Huemer und Jessica Feldmann (beide - Harmonika) – sind für die Beschreibung ihrer Gruppe auf Facebook mit drei Wörtern ausgekommen: «jung, frech und barfuß». Umsonst werden Sie auf dieser Seite die Stadt suchen, wo sie wohnen, es gibt auch keine Adresse, außer der elektronischen. Sie sind nicht auf YouTube vertreten, haben so gut wie kein vollständiges Video in FB. Unter einem der Fotos wenden sie sich an gelegentliche Zuschauer mit der Bitte, die Fotos und Videos, die während der Vorstellungen aufgenommen wurden, ihnen zu senden. Diese echten „Wandermusiker“, wie ich sie nennen würde, treten gelegentlich in kleinen Clubs, auf Dorffesten und einfach in Restaurants und Bars von Oberösterreich auf, wo alle sechs leben und sich ab und zu für Proben und Aufführungen treffen. Auf ihrer Seite auf Facebook steht Folgendes:

„Gleich bei einem unserer ersten Auftritte (im Sommer 2013) erkannten wir, dass es sich barfuß einfach besser spielt. Von dort an bestritten wir alle unsere Auftritte (unabhängig vom Wetter) ohne Schuhe. Somit besitzen wir, die BUSLINIE 102, unser eigenes Markenzeichen, welches uns von anderen Musikgruppen eindeutig unterscheidet.“

Und nun, zum ersten Mal in allen diesen Jahren, seit ich diese Gruppe beobachte, lese ich eine Mitteilung, in der der genaue Zeitpunkt und der Ort ihres nächsten Auftritts angegeben ist.

„Nicht mehr lange, dann sind wir wieder komplett!

Aber bis dahin haben wir noch einiges vor. Wer Lust hat, kann am Donnerstag, 15. Juni (Fronleichnam) ab 11.30 Uhr zur Landjugend-Grillerei nach Steinbach/Ziehberg vorbeischauen, die wir musikalisch umrahmen dürfen. Wir freuen uns schon!

Eure Buslinie 102“

Ich konnte die Versuchung nicht widerstehen und bin nach Österreich aufgebrochen, obwohl der Chefredakteur mich zunächst zu einem anderen Ort geschickt hat. „Sehr witzig“ - das war die erste Reaktion der Mädchen, als ich ihnen das Ziel meines Besuchs erklärte. Und das gleiche fröhliche Lächeln blühte auf ihren schönen Gesichtern, als wir uns verabschiedeten... Und hier ist, worüber wir während einer der kurzen Pausen, die sich die Mädchen leisten konnten, gesprochen haben.

Korr.: Wer gibt bei euch den Ton an?

Buslinie 102: In welchem Sinne?

Korr.: Nun, zunächst im wörtlichen Sinne, im musikalischen. Ich bemerkte, dass ihr vor jedem Programmnummer, und auch ab und zu im Laufe des Spiels nach rechts zu Maria hinschaut. Also, die Flöte gibt den Einsatz? Maria erfüllt die Aufgabe einer Dirigentin?

Buslinie 102: Ja, sie setzt ein. Aber manchmal setzt der Bass ein, den Klara spielt, sie steht immer auf der linken Seite.

 

Korr.: Und im übertragenen Sinne? Wer leitet die Gruppe? Auf eurer Visitenkarte stehen die Telefonnummern nur von zwei Harmonikaspelerinnen Bettina und Jessica. Sie sind es also, die eure Seite auf Facebook führen und die Fragen der Leser beantworten?

Buslinie 102: Nein, wir haben keine Leiterin. Bettina und Jessica beantworten nur die Telefonanrufe. Und auf der FB-Seite schreiben alle, die zu diesem Zeitpunkt nicht viel zu tun haben.

Korr.: Querflöte, Harfe, zwei Harmonikas, Violine, Kontrabass (wenn die Gruppe komplett ist)… Wie typisch ist eine solche Kombunation der Instrumente für die Volksmusik? Oder war das ein reiner Zufäll: wer was zu spielen gelernt hat – mit dem Instrument ist man in die Gruppe gekommen, daher ist dieser ungewöhnlicher Bestand der Instrumente?

Buslinie 102: Ja, heute sind wir nicht komplett. Es fehlen die Harfenistin Lisa und die Geigerin Bernadette. Jedes der Instrumente, die wir spielen, wird verwendet in der Volksmusik.

Korr.: Auch die Harfe?

Buslinie 102: Ja, auch die Harfe. Aber genau in dieser Besetzung tritt sonst keine Volksgruppe auf.

Über den Kontrabass fragte ich nicht, weil ich auch so wusste: das riesige Instrument, das die zarte Klara mit sich überall schleppt, geht ein in das klassische Trio der osteuropäischen jüdischen Volksmusik, die ihre Wurzeln in der deutschen hat: die Geige, der Kontrabass und ein Blasinstrument, nur bei den jüdischen Klesmern (Wandermusikern) ist das normalerweise die Klarinette und nicht die Flöte. Die lachende Klarinette und die weinende Geige, genauso wie im Leben, wo es das Lachen und die Tränen zum gleichen Teil gibt. Und der Kontrabass bestätigt alles mit seiner Autorität des größten Instruments: „Ja, ja, ja, ja…“ Die Kapellen der Klesmer waren an jüdischen Orten unterwegs und spielten auf Hochzeiten und anderen familiären Festen. Und die Harmonika hat zu tun mit der anderen Hälfte meiner Seele – mit der slawischen. Dieses Instrument führt mit dem Zuhörer ein langes vertrauliches, herzliches und gemütliches Gespräch. Harmonika hat mein vor Kurzem verstorbener Vater gespielt – meistens „Oginskis Polonaise“ und „Die Wellen von Amur“. Und mein Großvater mütterlicherseits, der keine Noten kannte, hat nach dem Gehör die russische „Korobejniki“ („Wanderhändler“) und die jüdische „Ojfn Pripetschek“ („Auf dem Ofenbrett“) auf einer Mandoline zu spielen versucht. Meine 2007 verschiedene Mutter hatte im Studentenchor ukrainische Volkslieder gesungen. Und ich blieb nur ein Zuhörer, aber glauben Sie mir, ich bin ein motivierter und dankbarer Zuhörer. Und ich kann die Qualität des Spiels der barfüßigen Mädchen aus der österreichischen Provinz gut schätzen, die ich gerne von morgens bis abends, ohne müde zu werden hören und immer wieder bewundern würde.

Korr.: Schreibt ihr die Musik selbst oder verwendet ihr fertige Produkte?

Buslinie 102: Wir verwenden fertige Musikstücke.

Korr.: Gibt es unter euch professionelle Musikerinnen?

Buslinie 102: Nein, wir sind alle Amateurinnen, nur mit einem üblichen Musikschulabschluss. Für keine von uns ist Musik der Hauptberuf. Wir proben und treten auf in unserer Freizeit.

Korr.: Wie haben Sie sich kennengelernt? Wie hat alles begonnen?

Buslinie 102: Wir hatten eine gemeinsame Musiklehrerin. Es ist eine Bekannte der Mutter von Marie und Lisa Hageneder, die selbst Musiklehrerin ist. Einige von uns haben an der Musikschule in Pettenbach gelernt, wo wir herkommen, einige in Wels – das sind vierzig Minuten mit dem Auto von Pettenbach.

Korr.: Marie und Lisa treten also in die Fußstapfen der Mutter? Wer ist von den Schwestern älter?

Maria: Ich bin die große Schwester. Musik ist eines der Studienfächer, die ich an der Universität Salzburg studiere - neben Mathematik und Sport. Und Lisa hat noch nicht entschieden.

Korr.: Ihr seid wahrscheinlich alle Studentinnen?

Buslinie 102: Ja, viele von uns sind Studentinnen oder wollen solche werden. Bettina studiert zum Beispiel Pharmazie in Graz.

Korr.: Warum nicht in Linz? Oder lieber gleich in Wien, wenn man sowieso in einer fremden Stadt leben muss?

Bettina: Es gibt keine Universität in Linz. Und Graz gefällt mir einfach mehr.

Österreich ist von seiner Flächengröße und der Bevölkerungszahl her mit einem durchschnittlichen deutschen Bundesland vergleichbar und ist selbst in kleinere Bundesländer eingegliedert. Nicht jedes davon hat eine Universität. Neben der weltbekannten Universität in Wien gibt es eine Universität in der Hauptstadt der Steiermark, Graz, und in Innsbruck, der Hauptstadt von Tirol. Und Pettenbach liegt in Oberösterreich, dessen Hauptstadt Linz ist. Jenseits dieser Provinz sind die Mädchen noch nie aufgetreten.

Korr.: Was studieren denn die anderen? Nun, ich bin sicher, dass Klara Lehrerin werden will. Ich sah, wie sie sich über ein 7-8-jähriges Kind gefreut hat, das zu uns in einer Pause kam, wie sie gleich angefangen hat mit ihm zu spielen – es machte Spaß zu gucken. Solch ein aufrichtiges Interesse für Kinder ist ein Merkmal der pädagogischen Berufung.

Klara: Denken Sie? Ja, ich wünsche mir, Lehrerin zu sein, ich studiere dafür, auch in Graz, Mathematik und Geschichte.

In Österreich genauso wie in Deutschland darf ein angehender Lehrer sich nicht auf ein Schulfach beschränken, er muss ein Diplom mindestens in zwei unterschiedlichen Studienfächern erwerben, wobei sie miteinander nicht verwandt sein sollen wie etwa Mathe und Physik, sondern zu unterschiedlichen Bereichen gehören.

Korr.: Und was machen eure jüngsten wie ihr sie nennt - Lisa und Bernadett?

Buslinie 102: Sie haben erst im vorigen Jahr das Abitur gemacht. Und jetzt reisen sie. Lisa befindet sich schon seit einem Jahr in Afrika, im August kehrt sie zurück.

Korr.: Vielleicht ist sie dort mit ihrem Freund?

Buslinie 102: Nein, mit einer Freundin. Sie verweilt sich dort nicht, sondern macht ein Volontariat, unterrichtet freiwillig Englisch in Kamerun.

„Volontariat“, "freiwillige Arbeit" bedeutet nicht ganz umsonst. Wahrscheinlich ist in Kamerun eine Wohnung oder ein Zimmer für Lisa bereitgestellt worden, wahrscheinlich gibt es dort für sie kostenlose Verpflegung oder Taschengeld. Die Arbeit gilt als freiwillig, wenn man kein Gehalt nach dem Tarif kriegt. Während die jungen Damen gespielt haben, bin ich zu Johanna Gegenleitner gegangen, die verantwortlich für die heutige Veranstaltung war und die Landjugend-Grillerei mitleitet, die schon zum zweiten Mal die „Buslinie 102“ für die musikalische Begleitung ihrer Feste einlädt. Unter anderem habe ich sie vorsichtig gefragt, ob die Mädchen etwas von ihrer Arbeit haben. Johanna hat das bestätigt, aber gleichzeitig hat sie zu verstehen gegeben, dass es um eine kleine Vergütung geht, die in keiner Relation zu den Anstrengungen und Leistungen der Musikerinnen steht. Im offiziellen Sinne kann diese Arbeit also auch als ehrenamtlich verstanden werden. Ich habe auch so ein ganzes Jahr gearbeitet, einen älteren Kollegen vertreten, bis er in Rente ging und mit mir ein echter Arbeitsvertrag als Lehrer der deutschen Sprache für Ausländer abgeschlossen wurde. Aber wir müssen zurück zu unseren Mädchen.

Korr.: Und Bernadett? Ich hoffe, dass sie sich irgendwo näher niedergelassen hat? Reist vielleicht sie mit einem Freund?

Buslinie 102: Nein, auch sie reist mit keinem Freund, sondern mit Freundinnen. Sie ist noch weiter - in Südostasien.

Ich habe nicht genau nachgefragt, aber mir wurde schon klar, dass ich diesen sechs bescheidenen Mädchen, die keine schlechten Gewohnheiten haben (keine von ihnen raucht!), die offensichtlich geringe Bedürfnisse haben was Kleidung und natürlich Schuhe angeht, die nur das Lernen und die Musik kennen, die bereit sind, sich kopfüber in eine gemeinnützige Arbeit zu stürzen, vielleicht keine Fragen zu ihrem privaten Leben stellen sollte. Die Tatsache, dass es auf ihren Facebook-Seiten so gut wie kein Foto gibt, wo sie mit einem Freund, überhaupt mit einer männlichen Person, abgebildet werden, sagt schon viel. Und diese „Wanderjahre“, die einige von ihnen durchmachen, sind für junge Leute aus Europa, die sich noch suchen und finden wollen, eine normale Erscheinung. Sie schauen sich die Welt an und kommen zurück, dann gibt es was zu erinnern, wenn das Leben in seine geregelte Laufbahn zurückkehrt. Nichts Schlimmes wird ihnen passieren. Maria hat schon einmal ihre Schwester in Kamerun besucht und ist sich sicher, dass man sich weder um sie noch um Bernadett Sorgen machen sollte.

Korr.: Also, nur eine von euch, ich habe schon herausgefunden wer, hat einen praktischen Beruf erworben und steht fest auf den Beinen. Lasst mich raten, was ist genau Jessica von Beruf? Hat das etwas mit der Landwirtschaft zu tun?

Die blonde Jessica sticht auf jedem Foto hervor. Alle sechs Mädchen lächeln viel, aber wenn Jessica lächelt, erinnert das gleich an die Heldinnen der sowjetischen Filme der 30-50-er Jahren, an alle diese Traktorfahrerinnen, Bestmelkerinnen und Bestschweinezüchterinnen usw. dieser Art mit ihrem blendenden weißzähnigen Lächeln. Trotzdem konnte ich den Beruf von Jessica - Elektrotechnikerin - nicht erraten. Dieser Beruf hat zwar nicht direkt zu tun mit der Landwirtschaft, mindestens mit der klassischen Landwirtschaft, aber er ist genauso exotisch für Frauen wie z. B. Traktorfahrerin, die mir als Erstes einfiel, überhaupt nicht zufällig.

Also haben alle sechs etwas zu tun, haben eine ernsthafte Beschäftigung, die ihnen gute Einkünfte verspricht, oder bereiten sich auf solche vor, keine von ihnen ist von den Eltern oder von irgendeinem Mann abhängig. Jede hat ihren Freundeskreis, sie treffen sich nur für die Musik zusammen, die einen bedeutenden Teil ihres Lebens ausmacht. Jeden Monat, manchmal auch einmal in mehreren Monaten, haben sie Auftritte, meistens zu warmen Jahreszeiten an frischer Luft. Den ganzen Tag zu spielen stellt sich als schwierig dar. Und dazu die freiwillig auf sich genommene Verpflichtung barfuss aufzutreten. Anfangs habe ich gedacht, dass sie irgendwo in Gras auftreten, irgendwo auf einer Wiese, oder vielleicht einen Teppich unterlegen. Von wegen! Die jungen Damen haben ihre Instrumente so hingestellt, dass die Zuschauer, die an den Tischen ihr Essen und Trinken genießen, sie so gut wie möglich sehen und hören. Diese Tische waren ziemlich weit von der Wiese entfernt. Dort, auf dem Gras unter dem Zaun, haben die Mädchen ihre Schuhe gelassen, und was war den ganzen Tag unter ihren nackten Füßen? Maria ist ein alter rauer zerbrochener Asphalt zugefallen und sie hat heldenhaft den ganzen Tag darauf gestanden, fast gänzlich ohne ihre Füße zu bewegen. Später habe ich es selbst überprüft: es hat sich angefühlt wie eine Reibe. Die Harmonikaspielerinnen Jessica und Bettina haben auf genauso hartem und beißendem Asphalt gesessen. Aber ein sitzender Mensch hat es leichter, denn auf seinen Füßen lastet dann nicht das ganze Gewicht und man kann einen Fuß auf den anderen legen, wie Jessica oft getan hat, oder so anheben, dass man nur mit einer Fußsohle die unbequeme Oberfläche berührt, wie es Bettina machte. Vielleicht hat Klara, die auf der anderen Seite stand, wo der Asphalt schon glatt und eben war, sich angenehmer gefühlt? So war es nicht. Der Asphalt selbst war zwar ganz in Ordnung, aber auf ihm waren kleine spitzige Schottersteine verstreut und solche Steine fühlen sich noch schlimmer an, als massiver Kies. Als ich selbst diese Stelle geprüft habe, habe ich verstanden, warum Klara immer wieder den einen und dann den anderen Fuß angehoben und etwas von den Fußsohlen abgeschüttelt hat.

Korr.: Ich sah, wie mutig ihr die kleinen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten meistern, die einem barfüßigen Menschen unvermeidlich unterlaufen. Es war lustig zu beobachten, wie Klara mit kleinen Steinen kämpfte, die an ihre Fußsohlen klebten. Sagt, ist es nicht zu schwierig, so den ganzen Tag auf einer unbequemen Oberfläche zu verbringen?

Buslinie 102: Nein, überhaupt nicht schwierig. Wir sind daran gewöhnt. Wir treten so seit vier Jahren auf.

Korr.: Und wie hat alles begonnen? Wer kam auf die Idee, barfuß zu spielen?

Bettina (ich habe selten gemerkt, wer genau von den Mädchen mir antwortete, aber diese Aussage kann ich mit Sicherheit nur der kecken gescheiten Braunhaarigen beimessen, die mir auch sonst häufiger als die anderen erwiderte): Das war aus pragmatischer Sicht besser.

Da wurde ich überrascht. Was hat das Barfußlaufen mit Pragmatismus zu tun? Und welche Vorteile kann man daraus ziehen? Etwa den Takt mit den nackten Füßen nachzuschlagen? Nicht schlechter könnte man das ja mit den Schuhen tun.

Korr.:????

Bettina: Unser erster Auftritt war im Jahr 2013, auf einer Party wie diese, in Vorchdorf. Natürlich haben wir alle für unseren ersten Auftritt uns die schönsten, die besten Schuhe angezogen. Bei einigen waren sie ganz neu, noch nicht abgetragen. Es war ein heißer Sommer, sehr schnell sind rote Flecken entstanden, dann Blasen. Ein paar Mädchen mussten ihre Schuhe abwerfen. Und diejenigen, deren Füße heil waren, zogen auch ihre Schuhe aus, um die Harmonie nicht zu stören. Es stellte sich heraus – das ist großartig, es gibt viele angenehme Empfindungen, die das Vergnügen verstärken, ein Musikinstrument zu spielen. Wir waren so begeistert, dass wir sofort entschieden haben: wir werden immer ohne Schuhe auftreten und es für unser Merkmal machen, um uns von anderen Gruppen abzuheben.

Mein Blick ist auf die Schuhe gefallen, die, achtlos von den Füßen der Mädchen abgestreift, auf der Wiese rumlagen. Keine Pumps. Dezente Ballerinas, mäßig abgetragen. Unabhängig davon, wie oft und wie viel die Mädchen außer den Auftritten barfuß laufen, werden ihre Füße auf jeden Fall lange gesund bleiben.

Korr.: Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie ihr am 18. Juni vergangenen Jahres in einer Kirche mit einem großen Konzert aufgetreten sind? Ihr habt damals meine Frage nicht beantwortet, die ich auf Facebook gestellt hatte.

Buslinie 102: Echt? Wir haben das wirklich vergessen. Nun, was wollten Sie wissen?

Korr.: Ich fragte, ob ihr auch in der Kirche barfuß oder ausnahmsweise in den Schuhen spielen werdet. Obwohl Sie mir damals keine Antwort gegeben haben, habe ich sie selbst bekommen. Also, in eurem Benefizkonzert in der Kirche habt ihr strenge Kleider getragen, keine Trachten wie sonst, und wart auch beschuht. Liegt es daran, dass ihr diesmal klassische Musik gespielt haben, die mit nackten Füßen und Dirndl vielleicht unvereinbar ist? Oder vielleicht wurde euch verboten, in der Kirche barfuß aufzutreten? Oder ihr habt es selbst nicht gewagt?

Buslinie 102: Nein, es war nicht verboten.

Korr.: Habt ihr danach gefragt, habt ihr um eine Erlaubnis gebeten?

Buslinie 102: Nein, das ist uns nicht eingefallen, um eine Erlaubnis zu bitten. Man hat uns eingeladen, obwohl man wusste, dass wir immer und überall barfuß spielen, wozu dann das Nachfragen?

Korr.: Nun, was war damals los, warum seid ihr doch in den Schuhen gewesen?

Buslinie 102: Na ja, es lag nur am zu kalten Boden in der Kirche. Wir haben zuerst versucht die Schuhe auszuziehen – aber nein, es geht nicht, es fühlt sich sehr unangenehm. Übrigens, was die klassische Musik betrifft, irren Sie sich. Auch in der Kirche haben wir Volksmusik gespielt. Vielleicht ein wenig modernisiert, aber es ist immer noch Volksmusik.

Korr.: Und ich dachte, dass es in einer Kirche nicht akzeptiert ist, barfuß zu sein, und eine barfüßige Person ermahnt wird, die Schuhe anzuziehen. Jetzt weiß ich, dass es eure freie Entscheidung war. Und wo sonst kann man euch barfuß treffen, außer eurer musikalischen Auftritte?

Buslinie 102: Zu Hause sind wir zu hundert Prozent barfuß!

Korr.: So, dann kann man euch auch bei allen Proben barfuß sehen, ihr probt doch, wie ich von Facebook erfahren habe, abwechselnd bei jeder zu Hause?

Buslinie 102: Ja, auch bei allen Proben.

Korr.: Und Maria kann man wahrscheinlich noch öfter barfuß treffen, und zwar in der Turnhalle? Ich sah auf Facebook ein Foto von ihr - mit ihren bloßen Füßen nach oben in einem unglaublichen akrobatischen Sprung. Wie heißt genau die Sportart, die sie treibt?

Die schüchterne und nicht sehr gesprächige Maria senkte leicht die Augen, wurde ein wenig rot und nannte leise den Namen der Sportart. Nein, nicht die Gymnastik. Die Gymnastik gehört zu ihrer Vergangenheit, das hat sie als Kind gemacht. Natürlich kann sie auch jetzt einiges und ist stolz darauf. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist ihre Leidenschaft für den Fußball. Übrigens ist der Frauenfußball in Deutschland und Österreich einer der besten in der Welt.

Korr.: Und wie heißt denn eure Mannschaft?

Maria: Einfach Pettenbach.

Korr.: Dann werde ich ab sofort ein Fan von Pettenbach und wünsche euch irgendwann die Meisterschaft gewinnen, na ja, zumindest in Österreich, warum nicht? Sagt mir, liebe Mädchen, ihr vier seid mit zwei Autos gekommen, aber Bettina war die einzige, die aus dem Auto barfuß herauskam. Und sie war, wenn ich mich nicht irre, auch am Steuer eines der Wagen. Stimmt das?

Bettina: Stimmt.

Korr.: Und wer hat das zweite Auto gefahren?

Buslinie 102: Jessica. Aber so musste es nicht sein, jede von uns konnte am Steuer sitzen. Wir alle können Auto fahren, wir haben eine Fahrschule abgeschlossen, die Prüfung bestanden und den Führerschein bekommen.

Ich habe es dann genau auf meinen Fotos nachgeschaut: als Erste nach der tapferen und etwas dunkelhäutigeren als die anderen Mädchen Bettina, die ich an diesem Tag nie beschuht gesehen habe, zog ihre Schuhe Klara aus, dann Jessica und zum Allerletzten, direkt vor der Auftritt, Maria.

Korr.: Bettina, und wo sind deine Schuhe jetzt - zu Hause oder im Auto?

Bettina: Im Auto. Ich zog meine Schuhe sofort aus, bevor ich aus dem Auto kam.

Korr.: Und ich dachte, dass du auch am Steuer barfuß warst. Gesetzlich ist das nicht verboten, für Deutschland weiß ich das ganz sicher. Allerdings hatten wir einmal eine Diskussion in der Presse. Einige haben argumentiert, dass Schuhe beim Autofahren eben nötig sind, um fester auf das Pedal drücken zu können. Andere haben im Gegenteil behauptet, dass es barfuß besser ist, weil so kann der Fuß seltener vom Pedal abrutschen, der Fuß umgibt quasi das Pedal. Man konnte sich in dieser Diskussion damals nicht einigen. Und die Polizei äußert sich zu diesem Thema nicht. Man wird von der Polizei nie zurechtgewiesen, nur weil man keine Schuhe trägt, wenn es keine anderen Regeln verletzt sind. Ist das in Österreich etwa anders?

Buslinie 102: Unser Lehrer in der Fahrschule sagte, dass man barfuß nicht fahren darf.

Ich hätte ja vielleicht den jungen Damen geglaubt und nicht im Internet recherchiert, ob es in Österreich anders geregelt ist als in Deutschland, wenn nicht eine Begegnung auf dem Rückweg gewesen wäre. Während ich an einer Tankstelle vorbeilief, erblickte ich eine junge Dame, die barfuß aus ihrem Auto kam, um das Auto zu tanken. Das Mädchen, das sich als Kristina vorstellte, erlaubte mir, sie zu fotografieren, und fühlte sich sehr geschmeichelt durch die Aufmerksamkeit, die ich ihr schenkte, aber sie wollte ihr Verhalten keinesfalls als ungewöhnlich oder gar heldenhaft bezeichnen. Sie hat einfach nie von einem Verbot gehört, barfuß Auto zu fahren, und ich habe später auch keins im Internet gefunden. Ich habe das den Mädchen aus „Buslinie 102“in unserem späteren Briefwechsel mitgeteilt, sie haben das zur Kenntnis genommen und sich bei mir herzlich bedankt haben.

Die Mädchen haben meine Fragen sehr bereitwillig beantwortet, an dem Tisch sitzend, der für ihre Pausen extra aufgestellt wurde, aber nach zwanzig Minuten – eine längere Pause konnten sie sich nicht leisten – haben sie mir zu verstehen gegeben, dass es soweit ist und sie weiter spielen müssen. Es hat so geklungen, dass ich gespürt habe: es geht nicht um das Geld, die die Landjugend-Grillerei ihnen für den heutigen Auftritt versprach. In ihren Augen habe ich eine Art kindische Ungeduld gelesen, als würden sie sagen: „Wir möchten schon weiter spielen, lassen Sie uns los“. Meine letzten drei Fragen konnte ich trotzdem später, in der Mittagspause, stellen, während die Musikerinnen auf das bestellte Essen warteten, in der Anwesenheit von kauenden und trinkenden Gästen, die freundlich unserem Gespräch zuhörten. Ich kann auch etwas Lustiges über die Reaktion der Leute auf meine Aktivität berichten. Nicht genug, dass ich für die Bewohner von Steinbach-am-Ziehberg (ein Dorf mit 819 Bewohnern, nur aus einer Straße bestehend) als Korrespondent eines deutschen Mediums galt (für einen Österreicher ist Deutschland außerhalb von Bayern, wo man denselben Dialekt spricht, fast so exotisch wie Russland), einige von ihnen meinten sogar ernsthaft, dass ich der Manager der Gruppe sei, weil ich ja die ganze Zeit um die Mädchen kreiste und Fotos machte. Darauf habe ich geantwortet, dass die jungen Damen keinen Manager haben und auch keinen brauchen, weil sie ehrenamtlich spielen, selbst für sich Werbung machen, selbst ihre Auftritte organisieren und ganz gut alleine zurechtkommen. Und im Stillen habe ich mir gedacht: „Ach, wie schön wäre es, ihr Manager zu sein, überall sie zu begleiten, für sie zu sorgen… Ein Traumjob, wirklich!“

Korr.: Woher stammt der Name der Gruppe - „Buslinie 102“?

Buslinie 102: Ganz am Anfang, als wir einen originellen Namen für die Gruppe suchten, haben wir die Anzahl der Saiten bei allen unseren Instrumenten zusammengezählt. Das hat 102 ergeben. Aber wie kann man daraus einen schönen Namen machen? Der Name „102 Saiten“ schien uns zu arrogant zu sein. Und da fiel jemandem von uns ein - es ist jetzt schwierig zu sagen, wem genau – dass diese Zahl wie die Nummer einer Buslinie aussieht. So ist es geblieben: „Buslinie 102“.

Korr.: Und ich dachte, dass es um einen echten Bus geht, den sie nehmen, wenn sie zusammenkommen.

Buslinie 102: Wir brauchen keinen Bus, um zusammenzukommen. Wir leben doch in derselben Stadt.

Korr.: Es gibt also keine Buslinie 102 in eurer Gegend?

Buslinie 102 (lachend) Ja, es gibt keine.

Korr.: Und der Minibus, mit dem ihr vor einem Jahr gefahren sind und an dem ihr euch fotografieren ließen? Alle Facebook-Leser haben ihn für einen Bus der rätselhaften Linie 102 gehalten.

Buslinie 102: Dieser Bus ist echt. Aber wir sind damit nirgendwo gefahren. Wir haben ihn gemietet, um interessante Fotos zu machen.

Korr.: Und das ist euch gelungen! Und der Scherz ist auch hervorragend. Als ich hierher die einzige Straße in diesem Dorf entlangging, wartete ich immer darauf, dass sich hinter einer Kurve der Minibus mit vier lustigen Mädchen, den ich aus den Fotos kenne, zeigt. Konnte es kaum erwarten. Sagt dann bitte, warum eins der besten Fotos mit diesem Minibus auf einer eurer Facebook-Seiten erst im April 2017 erschien. Habt ihr diese Episode wirklich im April fotografiert?

Buslinie 102: Klar, nicht. Das alles wurde an demselben Zeitpunkt aufgenommen, im vorigen Sommer, aber einige Fotos sind erst später veröffentlicht worden. Sie sehen doch, Lisa und Bernadett sind dort mit uns, die beiden haben damals noch die Schule nicht abgeschlossen.

Korr.: Dann habe ich eine weitere Frage. Ihr habt gesagt, dass ihr schon beim ersten Auftritt eine tolle Entdeckung gemacht haben: dass man barfuß auftreten kann und dass es sehr, sehr angenehm ist. Aber rein musikalisch: hat ein Musiker irgendwelche Vorteile, wenn er barfuß auftritt?

Buslinie 102: Nein, so was kann man nicht behaupten. Es ist einfach angenehm, sonst gibt es keine Vorteile.

Korr.: Und das Letzte: wie lange verweilt ihr noch hier? Könnt ihr mich nicht zum Bahnhof Pettenbach bringen?

Buslinie 102: Nein, leider nicht. Wir bleiben hier, bis die letzten Gäste weggehen. Normalerweise geschieht das sehr spät.

Korr.: Und ihr werdet also den ganzen Tag barfuß verbringen?

Buslinie 102 (alle zusammen, keck) Ja-a-a!

Korr.: Und nach Hause werdet ihr auch barfuß wegfahren?

Buslinie 102 (in demselben Ton): Ne-e-e-in!

Das war's auch schon, abgesehen davon, dass ich, bevor ich mich auf den Weg zum 10 km entfernten Bahnhof gemacht habe, selbst die Schuhe ausgezogen habe und in so einem Aufzug gegangen bin, in dem ich mir nicht getraut hatte zu kommen, aus Befürchtung, dass die Bewohner des Dorfes mich missverstehen. Die Mädchen aus der „Buslinie 102“, die zu dieser Zeit in der Kantine waren, haben mir herzlich einen guten Heimweg gewünscht. Ob mein Beispiel auf sie gewirkt hat, ob sie in Zukunft auch im Alltag häufiger barfuß laufen und ob sie die restlichen Vorurteile abwerfen, die ihnen von den Erwachsenen eingeredet wurden? Hoffen wir, dass ja!

Aber das ist noch nicht alles. Ich erinnere mich an noch eine Frage, die ich den Mädchen von der „Buslinie 102“ etwas früher gestellt habe - die einzige, die sie nicht beantworten konnten: „Was sind die Perspektiven eurer Gruppe?“ Erst später habe ich verstanden warum. Die jungen Damen sind sehr zufrieden mit ihrem kleinen Erfolg, mit der Aufmerksamkeit der Landsleute und der positiven Reaktion dieses im Großen nicht sehr gewählten Publikums. Was sie jetzt machen, ist nicht ihre Lebensaufgabe. Das ist eine Leidenschaft ihrer Jugend, eine Beschäftigung, für die sie sich begeistern, solange sie ihnen Freude bereitet. Wahrscheinlich wird auch ihre Barfüßigkeit dauern, nur solange sie jung sind und solange es dieses Übermaß an Kräften gibt, solange die Wangen ohne Schminke rot sind und solange die vernünftige Gewagtheit in ihren Herzen wohnt. Die jungen Frauen aus der „Buslinie 102“ wollen einfach nicht an die Zukunft denken. Sie leben jetzt, am heutigen Tag, und dieser fröhliche Tag ist bestimmt noch lange nicht zu Ende.